Der Abratzkykamin am Königstein

Achtung! Ein Weitersteigen und Überklettern der Mauer der Festung Königstein, die unter Denkmalsschutz steht, ist untersagt.

Abratzkykamin IV; Sebastian Abratzky, 19.03.1848 - Der Aufstieg befindet sich links in der SO-Seite. - 6 m rechts einer gemauerten Kante mit Zahl 1928 im Winkel den linken gewundenen Kamin gerade zu überdachter Kanzel, Wandbuch, Abseilöse, 34 m. (Die überdachte Kanzel ist ein Felsabsatz unter eiem Bogen der Festungsmauer. T.S.)
1998 jährte sich die Ersteigung zum 150. Male. Das war Anlass für den Mitteldeutschen Rundfunk und die Schornsteinfeger einen Kurzfilm im Rahmen der Sendung "Biwak" zu drehen.

19.03.1998 Das es an diesem Märztag noch einmal so kalt wird, damit hatte keiner gerechnet. Auch nicht damit, dass so viele Kollegen ins Fernsehen kommen wollen. "Macher" Horst Mempel hatte ziemlichen Stress. Er musste dafür sorgen, dass die Blitzlichter der Hobbyfotografen und ins Bild drängende Kollegen die Dreharbeiten nicht unnötig verlängern.

 

 

 

Kollege BSM Andreas Vogel im unteren Teil des Weges. Gleich ist es mit der Kletterei an der Wand aus, dann geht es mit dem schweren Winteranzug in den teilweise engen Kamin. - selten so geschwitzt!

Selten im Berufsleben haben sie so lange Zeit nach oben geschaut.
 
"Langsam griff ich hinüber, gleich eiserner Klammern gruben sich meine Finger in die Mauerkante. ... So hing ich an der steilen, gegen 400 Fuß hohen Wand, mich nur auf die Kraft meiner Finger verlassend. ... Ich hob mich empor, legte mich mit dem Oberkörper auf den Vorsprung und - war gerettet." (Aus "Die einzige Ersteigung der Festung Königstein" von Sebastian Abratzky) - Den Kameramann Lutz Protze hat niemand nach seinen Gefühlen gefragt, als er, zwar mit Seilsicherung, mit der kostspieligen Technik rücklings am Abgrund stand.
 
Der Ersteigung der Festung folgte ein Besuch in Mahlis, dem Geburtsort von Sebastian Abratzky. Im Rahmen des Umzuges zur 800-Jahr-Feier wurde die Episode des "Festungsstürmers" als einzelnes Bild gestaltet. Mit Winteranzug, 2 cm starkem Hanfseil, einer alten Kette um die Handgelenke und einem hübschen Mädchen zur Seite ging es 2 Stunden durch den Ort. Ziel war - wie sollte es anders sein - die Festwiese mit dem Riesen-Bierzelt. Für alle Teilnehmer ein Erlebnis, von dem oft gesprochen wird. Zu Ehren seines tollkühnen Sohnes hat der Ort einen Gedenkstein erhalten.

 

Sebastian Abratzky

Bevor das Jahr 1849 der Festung Königstein weitere bürgerliche Demokraten als Staatsgefangene brachte, ereignete sich am 19. März 1848 eine eher als kurios zu bezeichnende Geschichte, in deren Ergebnis ein 18jähriger Schornsteinfegergeselle namens Sebastian Abratzky mit 12 Tagen Festungshaft bestraft wurde. Besagter junger Mann kam aus Mahlis bei Oschatz, befand sich auf der Wanderschaft und suchte Arbeit beim Bau der Eisenbahnlinie in Königstein. Am Sonnabend angekommen, nutzte er den Sonntagvormittag, um die Gegend zu erkunden. 

Auf dem Weg zur Festung fragte er die ihm begegnenden Leute, ob man in die Festung hinein dürfe. Wer Bekannte oben habe oder 1 Taler und 10 Silbergroschen zahle, hieß es, der könne hinein. Abratzky hatte jedoch weder das eine noch das andere. Deshalb musste er sich mit dem äußeren Anblick der Festung begnügen. Während seines Spazierganges auf dem rund um den Felsen verlaufenden Patrouillenweg entdeckte er eine Felsspalte, die einem Kamin ähnelte. Als gelernter Schornsteinfeger verstand er sich darauf, darin zu klettern, und so überkam ihn die Lust, sein Können hier unter Beweis zu stellen. In den folgenden drei Stunden stieg er in der Felsspalte in die Höhe und kam schließlich wohlbehalten oben an. Als er sich über die Brustwehr schwang, wurde er von der überraschten Schildwache in Empfang genommen und dem Kommandanten vorgeführt. Nach einem vorläufigen Verhör ließ dieser ihn in die so genannte Mohrenkammer einsperren, einem »Arrestlokal« in der Alten Kaserne. Da man sich der Harmlosigkeit des kühnen Bergsteigers noch nicht sicher war, legte man ihm vorsichtshalber Ketten an. Schließlich trat das Kriegsgericht zusammen und examinierte Abratzky aufs neue, wobei sich dessen Ungefährlichkeit herausstellte. Nachdem er dem Kommandanten den Ort seines Auf- und Einstieges gezeigt hatte, wurde er nach insgesamt 12 Tagen Arrest mit der Bemerkung, sich in seine Heimat zu verfügen, entlassen. Später hat er seine Geschichte niedergeschrieben, drucken lassen und von dem Erlös des Heftchens gelebt. Die Klettertour Abratzkys in dem später nach ihm benannten Kamin kann als eine Pioniertat des Bergsteigens in der Sächsischen Schweiz angesehen werden, denn das Klettern war damals noch kein Volkssport. Dieser begann erst in den 1860er Jahren. Zum Gedenken an die erste Ersteigung des Königsteins erklettern Bergsteiger jedes Jahr am 19. März den Abratzky-Kamin. Während im Frühjahr 1848 ein unbefugt eingedrungener Schornsteinfeger die kleine Welt der Festung Königstein in Aufregung versetzte, erschütterten die große Welt erneut revolutionäre Ereignisse. (Aus: Festung Königstein – Zur Geschichte eines Baudenkmals der Sächsischen Schweiz)
 
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